Mark_uwe vs Broligarchie
Mark Uwe Kling hackt die broligarchie auf dem 39c3
Nach meiner ereignisreichen Rückreise vom Hackercongress 39c3 in Hamburg (danke für nichts, deutsche Bahn!) habe ich jetzt endlich Zeit, die aufgezeichneten Vorträge (genannt Talks) durchzuschauen. Auf dem Congress ist mir wichtiger mich auf die nicht aufgezeichneten Vorträge und Gespräche mit Menschen an deren Tischen (genannt Assemblies) zu fokussieren.
Was ist eigentlich der 39c3?
Der 39c3 ist europas größter Hackercongress, der zwischen den Jahren im Congress Center Hamburg (kurz CCH) stattfindet. Der Congress wird vom Chaos Computerclub einem bundesweiten Hackerclub veranstaltet, der dort Menschen aus der ganzen Welt in ihrem Interesse an Technik und techniknahmen verbindet.
Warum 39c3?
Dieser Zahlencode bedeutet dass es ich um die 39ste Iteration des Congress handelt. Da diese Kongresse bereits seit kurz nach der Gründung des CCC stattfinden, sind es inzwischen 39 mal gewesen. Der letzte hieß 38c3, der nächste heißt 40c3. Die c3 steht für chaos communication congress.
Wer ist eigentlich Mark Uwe Kling?
Mark Uwe Kling ist ein Buchautor der mit seinen Geschichten um ein imaginäres Känguru mit dem er politische Debatten auf eine witzige Art führt bekannt. Er ist bekannt bei progressiveren und auch eher jüngeren Kreisen. Die Inhalte seiner Geschichten sind durchaus auch interessant zu lesen, wenn er selbst das Känguru mimt kommt es jedoch immernoch am besten rüber.
Was ist diese Broligarchie?
Das Kunstwort Broligarchie setzt sich zusammen aus “bro” was in diesem fall den sogenannten “Tech-Bros” nahesteht und “Oligarchie”, dessen genaue Definition man im Lexikon nachlesen kann. Kurz gefasst bedeutet es das eine sehr geringe anzahl (oligo) von menschen über eine sehr große anzahl von menschen herrscht (archie). Das wort impliziert also dass in einem land keine demokratie oder diktatur herrscht (also eine hierarchie die nicht durch wahlen beeinflusst werden kann), sondern eine durch meist großen besitz erzeugte herrschaft, in diesem fall der tech bros.
Zarter Klassenkampf
In seinem Zwiegespräch und einigen sehr gut (von einem anderen Künstler, selbst) gezeichneten Comics erklärt Mark Uwe Kling in verschiedenen Szenarien wie sich Big-Tech, Elon Musk, Jeff Bezos, Donald Trump, Free Speech und Plattformen wie Twitter und Instagram sich zueinander verhalten.
Während die eine oder andere Aussagen durchaus als unglückliche Formulierung und chauvinistischer Seitenhieb gegenüber anders denkenden verstanden werden kann und nicht nur einmal auch Ableismus ins Spiel kommt, ist der Vortrag doch ein großartiges Stück Kunst!
Besonders schön sind die Stimmen mit denen Mark Uwe Kling zwischen dem Erzähler (sich selbst), dem Känguru, Jeff Bezos und Elon Musk wechselt. In den Zeichnungen werden die beiden als auf dem Mars gelandet gezeigt und Mark Uwe liest die Sprechblasen in wirklicher Exzellenz vor, trotz seiner Behauptung keine Sprecherausbildung zu haben.
Im Wechsel zwischen dem Gespräch mit dem Känguru und einem weiteren Comic von Jeff und Elon kommt nie Langeweile auf und sowohl die Anwesenden im Saal als auch der geneigte Zuhörer sind durchaus hier und da einen Lacher schuldig. Mit seiner Batschkapp gibt Mark Uwe einen ersten Hinweis darauf wo seine ideologische Heimat sein könnte, das Känguru und die Comics geben einen klaren Blick darauf.
Gutes Fingerspitzengefühl oder performative progressivität?
Wer schon einmal ein Event des Chaos Computer Club besucht hat oder gar in einem der lokalen Clubs (Chaos Treffs oder Erfas genannt, je nach Größe und Thematik) verweilen durfte weiß: Beim Chaos ist es Bunt, anders, manchmal laut, manchmal leise, meist progressiv aber eben auch mal reaktionär.
Besonders in den Chaos treffs ist je nach Umgebung eine große Entfernung zum Hauptclub in Hamburg (liebevoll “großes C” genannt) gegeben. Während auf den Events strikte Regeln zum Thema persönliche Freiheit und Vielfalt gesetzt werden, herrscht in den Clubs ein etwas gesetzterer Ton wo zwar viele Katzenohren oder auch mal eine Fellmaske vorkommen, doch Misogynie und Ableismus werden in der Regel nicht so deutlich geächtet wie es auf den Events der Fall ist. So ist bereits die Liste der Event Regeln sehr eindeutig. Es liest sich in etwa so: Hier sind alle Lebewesen willkommen. Wenn du ein Problem damit hast bleib lieber fern.
Was hat das aber mit Mark Uwe Kling zu tun? Ganz einfach: Während Mark Uwe in seinen anderen Geschichten viel über Linke inhalte Spricht und das Känguru auch eher einen linksextremen Eindruck macht, hört sich der Talk auf dem Congress doch extrem weich gewaschen an, was vielleicht etwas unehrlich klingt. Besonders heikel ist die Konklusion. Während Mark Uwe am Ende praktische Empfehlungen abgibt die grundsätzlich sehr sinnvoll sind (“schließt euch offenen Plattformen an”) bleiben sie doch kurz vor der systemischen Komponente stehen. Dass zum Beispiel vor Jeff Bezos und Elon Musk eben die Inhaber von Siemens, IG Farben und Mercedes Benz die Welt ins Unglück gestürzt haben. Dass ohne Jeff und Elon immer noch einige Supperreiche den anderen die Lebensgrundlage abgraben (teilweise sogar Wörtlich, lieber Musk Senior), fehlt in der Darstellung.
Schlimmer noch: Wie zu beginn die geneigten Zuhörer wahrgenommen haben wird eine Aufforderung an die Linkspartei die “Putin freunde” abzuspalten um endlich erfolgreich zu werden. Wie hinterlistig diese Aussage ist, stellt die Tatsache heraus dass es sich auch hier um eine durch Big Tech verkürzte Problematik handelt und Mark Uwe fällt exakt auf das selbe Problem rein, nämlich die Manipulation des Narrativs durch einzelne.
Insofern wird hier offensichtlich dass eine durchaus dem Publikum angepasste Perspektive zwar eine gute Idee ist. Leider wird aber auch direkt wieder durch die Mitte der linken bewegung gespalten. Nicht die “Völkermordapologethen” oder die “Kriegstreiber” werden ausgeschlossen, sondern die “Putin freunde” womit im Volksmund die Vertreter eines vielschichtigeren, historisch und dialektisch materialistischen Narativs gemeint sind.
Es bleibt also die Frage ob Mark Uwe hier nur eine Performance für das Publikum macht um ihn einzuordnen (ich bin soundso und deshalb müsst ihr mir zuhören) und ob er hätte für frieden statt für das verkürzte Narrativ der aktuellen Kriegstreiber stehen können.
Quelle: https://media.ccc.de/v/39c3-die-kanguru-rebellion-digital-independence-day