Geplante Obsoleszenz
Geplante Obsoleszenz als Gegner
2025-09-15
Als technikbegeisterter Mensch war mir nie klar, weshalb Geräte früher zehn und mehr Jahre gehalten haben und heute teilweise schon nach 3 oder 5 Jahren angeblich “nicht mehr gut” sein sollen.
Die erste Begegnung mit einem solchen Problem hatte ich mit meinem ersten iPhone vor vielen Jahren. Plötzlich gab es keine Aktualisierungen mehr und man riet mir, doch ein aktuelles Gerät anzuschaffen. Damals war ich mit anderen Dingen beschäftigt, also gehorchte ich und kaufte mir ein neues Gerät. Dieses liegt übrigens immernoch in meinem Schrank irgendwo, zusammen mit allen anderen Handys die ich je besessen habe.
Digitaler Widerstand
Die geplante Obsoleszenz ist ein Milliardengeschäft, zulasten unserer Umwelt und der Menschheit als ganzes. Für jedes Gerät, dass weggeworfen oder auch nur in den Schrank gelegt wird, muss ein neues Gerät produziert, seltene Erden gewonnen, unterbezahlte Arbeiter unterdrückt werden. Die Orphan Crushing Machine zum anschauen und mitmachen!
Wird ein Gerät zusätzlich noch in den Müll geworfen, landet es im globalen Süden, wird von Kindern unter martialischen Umständen zerstört um an die wertvollen Innereien zu kommen um sich selbst oder die Familie ernähren zu können. Ein grausames Spiel. Wird das Gerät in Deutschland Recycled, ist die Situation durchaus besser. Profis bauen die Geräte auseinander und verwenden ggf. sogar Teile wieder. Dennoch ändert dies nichts daran dass dieses Gerät nicht hätte demontiert werden und ein Teil davon weggeworfen werden müssen. Es kann auch einfach aktuell gehalten werden!
Deshalb ist es mir in den letzten Jahren mit zunehmender Beschäftigung mit dem Thema immer mulmiger geworden, wenn ich mir wieder ein neues Gerät anschaffen musste weil das alte wieder “von oben ausgemustert” wurde.
Linux für die Hosentasche
Zunächst besorgte ich mir ein Gerät “zum Basteln” um herauszufinden welche Möglichkeiten es denn heute so gibt. So habe ich PostmarketOS kennengelernt. Das spielte ich dann mit dem PC und einem USB Kabel auf das Handy auf. Ein Linux-Betriebssystem, nicht ganz unähnlich zu Android, jedoch völlig ohne Android Teile. Lediglich ein paar Treiber sind wohl noch alt aber alles andere ist frisch und neu und vor allem privat! Es funktioniert aus einer Computer-Perspektive erstaunlich gut. Es ist, als hätte man seinen Linux PC in ein Taschenformat gepresst.
Leider ist das aber nicht die Perspektive, die wir bei Mobiltelefonen einnehmen. Wenn wir einen Anruf bekommen, und der Ton kommt mal nicht an, ist die Aufregung sehr schnell sehr groß. Das gleiche Gilt für die Fehlersuche. Am heimischen Schreibtisch, in kontrollierter Umgebung, ist die Fehlersuche relativ einfach und unkompliziert wenn man sich mit den Geräten schon etwas befasst hat. Ist man unterwegs, steigt der Puls doch merklich, das wird schnell anstrengend. Die Fehler sind nicht häufig aber erstaunlich frustrierend, wenn man eigentlich gerade etwas anderes tut. Es ist land in sicht, da bei open-source-lösungen jeden tag der entscheidende Fix kommen kann. Kontakt und Freundlichkeit sind hier der Schlüssel. Nicht für jedermann, so viel steht fest.
Dann doch lieber Android? Nicht ganz!
Ich bin dann bei LineageOS hängen geblieben. Dabei handelt es sich um den Open-Source-Kern von Android ohne die herstellerspezifischen (und selten offenen oder kundenorientierten) Erweiterungen. Jaha, die Treiber sind nach wie vor Proprietär, also darf einen der nerdige Nachbar damit aufziehen dass es eben doch nicht ALLES ganz offen ist.
Aber das Betriebssystem funktioniert wirklich herausragend. Sowohl ich als auch meine Partnerin benutzen seit einigen Monaten LineageOS auf inzwsichen aus dem Support geratenen (aber dank LineageOS trotzdem aktuellen) gebrauchtgeräten, die wir deswegen für 50 € das Stück erstehen konnten. Nimm das, Apple!
Die Funktionsweise ist in den meisten Fällen gar nicht vom original Android zu unterscheiden. Lediglich die (optional) fehlenden Google-Dienste merkt man manchmal. Einerseits führt das natürlich bei Google zu größter Frustration, weil keine Daten mehr über mich gesammelt werden können. Andererseits kann ich bestimmte Apps wie zb Easypark nicht verwenden, wenn diese Google-Dienste voraussetzen. Da bin ich aber konsequent und verzichte lieber anstatt mich von Google komplett durchleuchten zu lassen. Auch manche Banking Apps und kontaktloses Bezahlen sind meiner Kenntnis nach noch nicht funktional. Hier gilt aber ebenfalls die vorher angesprochene Open-Source-Situation dass jeden Tag der notwendige Fix rauskommen kann um diesen Umstand zu ändern.
Insgesamt haben wir jetzt zwei LineageOS daily driver und einen PostmarketOS “Bastelschuppen” bei dem ich drauf warte dass der bereit zum Einsatz ist!
Neue Projekte
Diesen Artikel schrieb ich aber nicht um von geplanter Obsoleszenz, PostmarketOS oder LineageOS zu erzählen, sondern um meine neuen Projekte zu kommentieren.
Mein erstes “eigenes” Projekt (nennt man auch “Port”) war ein schon auf Linux laufendes Tablet mit RISC-V Chip aus China, welches ich vermutlich weltweit als erster auf PostmarketOS umgerüstet habe. Es ist noch in den Kinderschuhen aber soweit war ich schon mal sehr stolz. Dabei habe ich dann das gleiche mit dem Bananapy F3 gemacht da dieser das baugleiche Board verbaut hat.
Anschließend habe ich mich mit einem Ipad 3 (und einem zweiten, welches ich dann erstanden habe) auseinandergesertzt. Hier bin ich leider erst beim Jailbreak und muss noch bis zum erfolgreichen Boot von PostmarketOS kommen. Die dafür notwendigen Ressourcen waren jedoch immens. Für dieses Projekt musste ich mir extra einen Arduino Uno mit einem USB2 Zusatzboard kaufen um einen Exploit damit laufen zu lassen und das gerät in einen Flashbaren zustand zu versetzen.
Mein aktuelles Projekt ist ein gespendetes Medion Tablet, welches erstaunlich viele Prozessorkerne (8) hat aber enorm wenig Ram (2G). Dennoch sollte sich dieses für einen Port eignen. Ich habe bisher aber leider nur das Betriebssystem auf Developer Mode umgestellt und den Bootloader geöffnet. Da dieses Gerät nur eine Boot Partition hat und der Hersteller das Original-Android Image nicht bereitstellt, UND die Boot Partition auch noch root rechte benötigt, muss ich zusehen ob ich irgendwie root rechte erlangen kann ohne das image zu überschreiben und trotz der Tatsache dass ich nicht weiß, welche Signatur oder Board Spezifika ich einhalten muss.
Fazit
Der Kampf gegen geplante Obsoleszenz ist ein spannender, jedoch kein leichter. Als User eigene Geräte zu betreiben ist inzwischen gut machbar, besonders wenn man einen erhöhten Privatsphäreanspruch hat und zu Kompromissen bereit ist. Als Entwickler am Vorantreiben des Wissbaren zu arbeiten ist ein schwer zu beschreibender Nervenkitzel, der aber in unserer kapitalistischen Gesellschaft kaum finanzielle Vorteile bringt, weshalb die Situation sich auch nicht rasant ändert.