2026 01 17_praxis_und_widersprüche
2026-01-17 Praxis und Widersprüche
Heute möchte ich ein wenig über meine neuerlichen Begegnungen mit aktuellen und ehemaligen Genossen und den Widersprüchen erzählen, die sich mir bei der revolutionären Praxis über den Weg laufen.
Lernen
Wie einige schon wissen bin ich in der privilegierten Lage Zeit in das Erlernen neuer Dinge investieren zu können und dieses Wissen schnell und dauerhaft behalten zu können. Das führt du dem relativ glücklichen Umstand dass ich im letzten Jahr über zehn marxistische Bücher gelesen habe sowie diverse Artikel und mir einen Großteil des Erlernten behalten konnte.
Wozu das leider auch führt ist dass die meisten Menschen die gestern noch einen großen Wissensvorsprung hatten, im Zweifel morgen schon hinterherhinken wenn sie nicht selbst in hohem Tempo aktiv weiter lernen.
Ich erwähne das nicht um mich auf ein Podest zu stellen sondern um einen Widerspruch aufzuzeigen: “Menschen können besondere Fähigkeiten haben auch wenn die Nazis Intellekt als Waffe zur Unterdrückung eingesetzt haben.”
Für mich ist es normal große Mengen an Informationen aufnehmen zu können und diese im Zweifel wörtlich rezitieren zu können. Das klingt für die meisten Menschen schwer zu glauben. Es beleuchtet aber gut die Widersprüche mit denen wir uns konfrontiert sehen als Marxisten.
Fähigkeiten
Ist es möglich, dass ein Mensch Fähigkeiten hat die ein anderer nicht hat? Absolut! Ist es möglich dass ein Mensch Fähigkeiten hat die der massiv überwiegende Teil nicht hat? Ja, statistisch belegt sogar. Insofern ist es enorm verwunderlich für mich dass ich besonders online immer wieder auf extrem negative Rückmeldungen zu solchen Fakten stoße weil Menschen mir unterstellen dass ich mich für etwas besseres halte. Das ist nicht der Fall. Wenn ich schneller rennen könnte und ich deshalb beim Joggen öfters mal davonlaufen würde mir auch keine vorwerfen ein Nazi zu sein. Trotzdem passiert mir das regelmäßig in marxistischen Umgebungen.
Mir ist auch klar dass es hier ebenfalls die Möglichkeit gibt dass Menschen sich für etwas besseres halten und/oder ihr Ego aufpolieren wollen indem sie erklären dass sie etwas besser können als andere entweder um sich zu erhöhen oder um einen vermeintlichen Mangel auszugleichen.
Hierin liegt der Denkfehler: Ein Mensch kann besondere Fähigkeiten haben, einen Mangel haben, ein schlechtes Selbstwertgefühl haben, usw. Oder er kann nichts oder eine Kombination davon haben. Oder er kann ein schlechtes Selbstwertgefühl haben weil er Fähigkeiten hat die herausstechen, die aber dann von anderen Entwertet oder mit vermeintlichen oder real existierenden Mangeln “aufgewogen” werden um selbst nicht wahrgenommen schlechter da zu stehen. Das sind materielle Umstände, nicht mehr, nicht weniger.
Konkurrenzdenken
Dies führt mich zu der Erkenntnis dass wir durch die durch die Klassenherrschaft und Entfremdung des Kapitalismus und dessen induzierte Konkurrenz zwischen Individuen dazu neigen, andere herabzuwürdigen oder zumindest auf unser wahrgenommenes “Niveau” herunterzuholen. So kann man meines Erachtens unterstellen dass das Bedürfnis dies zu tun bei Marxisten einen noch nicht aufgelösten internalisiert neoliberalen Reflex darstellt.
Ebenso wie andere “Edge Cases” wie die nationale Frage welche Stalin bereits sehr eindrucksvoll beantwortet hat und welche auch Fanon in “Verdammten dieser Erde” sehr eindrucksvoll darlegt ist hier die relative Unterdrückung westlich privilegierter Arbeiter bzw. Intelligenzia zu beachten. Westliche Arbeiter sind argumentierbar relativ stark privilegiert verglichen mit ihren nichtwestlichen “Kollegen”, können jedoch trotzdem erfrieren weil sie ihre Wohnung verloren haben oder an vermeidbaren Krankheiten sterben weil sie eben relativ zu ihrer Umgebung unterdrückt werden.
Neurodivergenz durch Kapitalismus?
So ergibt sich die Thematik der sogenannten “Neurodivergenz” als geichzeitig klar definierbare Marginalisierung gegenüber örtlichen Vergleichspersonen, jedoch als massiv überbetont verglichen mit in sozialistischen Staaten lebenden Menschen da diese einem anderen spezifischen Stressbild ausgesetzt und mangels der dort nicht notwendigen Unterteilung der Arbeiterklasse zu ihrer Schwächung nicht die gleichen Symptome bzw nicht in der gleichen Stärke aufweisen.
So werden besonders im Internet durch die massiv verkürzte, öffentliche, teils unbekannte und manchmal auch effektheischerische Kommunikation dann kulturelle Unterschiede, neurologische Besonderheiten, rhetorische Tricks, Erschöpfungszustände und weiteres zu einem Brei an wahrgenommenen Beleidigungen, Kurzschlussreaktionen, Überforderung und emotionalen Gewalttaten. Dabei trifft es wie immer zuerst die auch sonst marginalisiertesten im allgemeinen, jedoch die in meinen augen noch härter gestraften, positiv marginalisierten. Wenn jemand schön, schlau, groß, begabt oder sonstiges ist, wird das schnell zum Klischee erklärt, als Arroganz oder bewusstes Taktieren ausgelegt.
Emotionale Gewalt konterrevolutionär?
Besonders als betroffene, marxistische Person nimmt dies jede Glaubwürdigkeit aus der marxistischen Praxis da es sich hierbei (erneut) nur um Chauvinismus in einem neuen Gewandt handelt. Ob es nun Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Sprache oder Intellekt ist; Diskriminierung ist nicht zwingend nur direkte Benachteiligung. Es kann auch eine indirekte Benachteiligung durch herausstellen der positiven Aspekte mit anschließender Ablehnung der souveränität der Person sein.
Hierbei ist meines Erachtens zu beachten dass die Anwendung von empotionaler Gewalt durchaus auch bewusst und gerechtfertigt erfolgen kann. Gewalt zur Erkämpfung von Würde und Selbstbestimmung ist immer gerechtfertigt. Jedoch muss hier die Frage gestellt werden gegen wen die Gewalt gerichtet ist.
Eine Frage der Hierarchie
Besonders beeindruckte mich die Praxis mit anderen linken Gruppen in denen angeblich keine “Hierarchie” bestehen würde. Hierbei ist natürlich für Marxisten unübersehbar dass das nicht stimmt. Es besteht eine extreme Wissenshierarchie, eine soziale Hackordnung durch unterbewusste Abläufe, die mangels Bildung, Zeit und oft auch aus Machtanspruch nicht thematisiert wird.
So wird in allen Gruppen eine Hierarchie gebildet, meistens durch subtile Vorgänge und oft ohne das Wissen der Beteiligten. Die dutzenden gesellschaftlich anerkannten Narrative sind dabei schnell gezogen um unangenehme Fragen im Keim zu ersticken: “Doch, doch. Wir wissen das.” oder “Das ist keine Gewalt/Hierarchie.” oder “Das verstehst du nicht weil du nicht so denkst wie wir/noch nicht so lange da bist.” Die Menge an Ausreden ist schier endlos.
Bürgerliche Gewaltrichtung
Während wir in der bürgerlichen Welt des Westens unwissendlich Gewalt ausgesetzt sind (zb struktureller Gewalt die uns verbietet mit dem Bus nachhause zu fahren wenn wir kein Geld dabei haben oder zu essen obwohl im Supermarkt Essen liegt) ist die übliche Richtung dort immer die gleiche: Nach unten.
Frei nach dem Motto “scheiße fällt nach unten” sind wir es mehr oder weniger gewöhnt, besonders in höheren wirtschaftlichen Sphären, Gewalt gegen sozial oder wirtschaftlich unterlegene einzusetzen. Im Privatleben passiert das genauso. Ist eine Person in einer Beziehung massiv überprivilegiert sind hier schnell Gewaltstrukturen erkennbar. Es wird das Wort abgeschnitten, nicht nach Bedürfnissen oder sogar Einverständnis gefragt.
Revolutionäres Gewaltregime
Gern vom bürgerlichen Feminismus missbraucht wird die scheinbare moralische Vertretbarkeit der Gewalt gegen Männer als hierarchische Superiore. Hier wir je nach Umgebung von Witzchen über deren Unfähigkeit bis zu komplett faschistischen “eigentlich könnten wir sie auch ausrotten” alles benutzt.
Dabei ist die dialektisch materialistische Perspektive gar nicht weit. Selbstverständlich ist die Gewalt von unterdrückten in Richtung der Unterdrücker in Ordnung. Das ist wie immer aber kein 30 Sekunden Tiktok Video sondern materialistische Analyse. Während in einer Beziehung zwischen Chef und Mitarbeiter die Hierarchien formal festgelegt sind, so ist die Richtung der marxistisch annehmbaren Gewalt abhängig von der tatsächlichen Situation. Ist die formale hierarchie wirklich durchgesetzt oder hat die Person außer “Titel” nichts weiter? Wird sie vielleicht von ihren “Mitarbeitern” gemobbt um sich nicht gegen den tatsächlichen Chef richten zu müssen? Hier sehen wir die volle Ausprägung der perfiden Spaltung der Arbeiterklasse.
Fazit
Insofern ist es meines Erachtens wichtig eine antidogmatische Perspektive einzunehmen, die hierarchien in einer Situation und an einem Ort der zur Gewalt neigt (oder wo diese angeprangert wird) zu analysieren und die Grundlagen für diese Gewalt rauszufinden und - besonders unter arbeitern - zu beseitigen, da hier sonst nur weitere Spaltung aufkommt. Formale oder De Facto Führungskräfte haben in dem Fall in marxistischen Gruppen das Feedback ernst zu nehmen und sich mit dem Thema beschäftigen. Sind sie dazu nicht in der Lage müssen sie das transparent kommunizieren und ggf. Hilfe holen oder sich Zeit erbitten. Sind sie zu alledem nicht in der Lage müssen sie abdanken und den Weg frei machen für einen demokratischen Prozess zur Ersetzung ihrer Person.
Feedback
Wer mir Feedback zu diesem Artikel schreiben möchte kann dies gerne per Mastodon unter @haui@mastodon.giftedmc.com oder per email unter haui@giftedmc.com tun. Ich bin auch über matrix unter @haui:matrix.giftedmc.com zu erreichen. Rote Grüße